Axalp: Wenn der Berg bebt – Das spektakulärste Fliegerschiessen der Welt
Es beginnt lange vor dem ersten Triebwerksdonnern. Es beginnt in der Dunkelheit, oft schon um vier Uhr morgens im Tal von Brienz. Tausende Menschen schälen sich aus ihren Betten, schnüren die Wanderschuhe und machen sich auf den Weg. Ihr Ziel: Die Ebenfluh auf der Axalp.
Wer hierher kommt, sucht nicht den Komfort einer gewöhnlichen Flugschau mit Tribünenplätzen und VIP-Zelt. Wer auf die Axalp will, muss leiden – zumindest ein bisschen. Der Aufstieg ist steil, die Luft wird kühler, der Atem schwerer. Doch was die Besucher oben erwartet, ist weltweit einzigartig. Es ist das einzige Fliegerschiessen einer Luftwaffe, bei dem Zuschauer quasi "in der ersten Reihe" auf einem Berggipfel sitzen, während Kampfjets auf Augenhöhe an ihnen vorbeirasen.
Die Ruhe vor dem Sturm
Oben angekommen, auf rund 2.200 Metern über Meer, herrscht zunächst eine trügerische Idylle. Kuhglocken läuten, der Blick schweift über den türkisblauen Brienzersee tief unten im Tal. Man packt das Käsebrot aus, die Kameras mit den riesigen Teleobjektiven werden in Stellung gebracht. Die Stimmung ist familiär, fast volksfestartig.
Dann, punkt 14:00 Uhr, ändert sich alles.
Ein Funkspruch knackt durch die Lautsprecher. "Mission Start". Sekunden später zerreißt ein brutales Grollen die Stille. Zwei F/A-18 Hornets der Schweizer Luftwaffe tauchen wie aus dem Nichts hinter dem Grat auf. Sie sind nicht über den Zuschauern, sie sind zwischen den Bergen.
"Das Echo der Triebwerke in den engen Tälern ist physisch spürbar. Der Boden vibriert. Es ist, als würde der Berg selbst zum Leben erwachen."
Präzision am Limit
Was folgt, ist eine Demonstration von fliegerischem Können, die physikalisch unmöglich erscheint. Die Piloten steuern ihre 16 Tonnen schweren Maschinen mit bis zu 800 km/h durch die enge Topografie der Berner Alpen.
Das Herzstück der Vorführung ist der scharfe Schuss. Auf Ziele, die in die Felswand montiert sind, feuern die Jets ihre 20mm-Bordkanonen ab. Das Mündungsfeuer blitzt auf, und Sekundenbruchteile später hört man das charakteristische, trockene Rattern der Gatling-Gun, gefolgt vom Einschlag der Projektile im Fels. Staubwolken steigen auf.
Es ist diese Kombination aus roher Gewalt und chirurgischer Präzision, die die Faszination Axalp ausmacht. Ein Fehler hier wäre fatal. Es gibt keine Auslaufzonen, nur Granit.
Tanz der Hubschrauber
Doch die Axalp ist nicht nur Lautstärke. In den Pausen zwischen den Jet-Passagen zeigen die Piloten der Cougar- und Super-Puma-Helikopter, was ihre Maschinen leisten können. Sie werfen Täuschkörper (Flares) ab, die wie glühende Sterne vor der dunklen Felswand stehen bleiben – ein visuelles Spektakel, das Fotografenherzen höher schlagen lässt.
Den emotionalen Abschluss bildet traditionell die "Patrouille Suisse". Die Kunstflugstaffel malt mit ihren sechs rot-weissen F-5 Tiger Jets riesige Formationen in den Himmel. Vor der Kulisse von Eiger, Mönch und Jungfrau wirkt ihr Formationsflug fast wie ein Ballett – nur eben mit Überschallgeschwindigkeit.
Ein Mythos lebt weiter
Als der letzte Jet im Tal verschwindet und die Stille zurückkehrt, sieht man in den Gesichtern der Zuschauer vor allem eines: Ehrfurcht. Der Abstieg ins Tal wird noch einmal zwei Stunden dauern, die Beine werden schmerzen. Aber jeder hier weiß: Nächstes Jahr im Oktober, wenn die Schweizer Luftwaffe wieder zur Ebenfluh ruft, werden sie wieder da sein. Denn nirgendwo sonst kommt man dem Himmel so nah wie hier.
Info-Box: Die Axalp für Besucher
- Wann: Jährlich im Oktober (witterungsabhängig).
- Anreise: Bis Brienz (Kanton Bern), dann Shuttlebus zur Axalp-Talstation, dann Sessellift, dann ca. 1,5 bis 2 Stunden Fußmarsch.
- Ausrüstung: Gute Bergschuhe, Gehörschutz (!), warme Kleidung (Zwiebelprinzip), Sonnenbrille.
- Eintritt: Die Vorführung selbst ist kostenlos, für den Shuttlebus/Sessellift werden Tickets benötigt.